„Die Teilnahme an einer Studie ist ein Geschenk der Hoffnung“

Zum Weltkrebstag am 4. Februar erklärt Dr. Simone Kappels, Senior Director und Oncology Country Head bei AstraZeneca, welche Bedeutung klinische Studien für den Fortschritt in der Krebsmedizin haben – und damit Betroffenen und Angehörigen dadurch direkt helfen können.

Dr. Simone Kappels über klinische Studien in der modernen Krebsmedizin

Frau Kappels, jedes Jahr erkranken allein in Deutschland rund 500.000 Menschen neu an Krebs. Welche Chance auf ein möglichst langes, möglichst beschwerdefreies Leben bietet die moderne Medizin diese Menschen heutzutage?

Wir sind in den letzten Jahrzehnten in zwei Dingen deutlich besser geworden: Wir erkennen Erkrankungen viel früher und wir können sie viel präziser therapieren. Früher wurden Krebspatient:innen bestrahlt, es gab starke Chemotherapien, die jede einzelne Zelle im Körper unter Stress gesetzt haben. Heute können wir durch moderne Typisierungen erstens besser eingrenzen, um welche Form von Krebs es sich handelt. Und zweitens haben wir sehr gute und sehr gezielt wirkende immunbasierte Therapien entwickelt. Dadurch leben Patient:innen oft deutlich länger und mit weniger Neben- und Langzeitwirkungen.

Neue Wirkstoffe können nur mithilfe klinischer Studien entwickelt werden.

Das stimmt, und deshalb sind klinische Studien auch als wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung zu betrachten. Wir haben bereits viele Therapien in Deutschland zur Verfügung, trotzdem suchen wir immer weiter nach innovativen Therapieoptionen, mit denen wir Patient:innen noch bessere und mehr Möglichkeiten bieten können.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der klinischen Forschung?

Die Rahmenbedingungen, unter denen wir als forschendes Pharmaunternehmen agieren, sind die größte Herausforderung. Trotz einiger Vereinfachungen, z.B. durch die neuen Standardvertragsklauseln, ist der bürokratische Aufwand immer noch extrem hoch. Das betrifft besonders die Zulassungsverfahren, also die Genehmigungsprozesse bei den Behörden bzw. Ethikkommissionen. Klinische Studien sind in der EU durch die Clinical Trials Regulation seit 2022 harmonisiert, das ist positiv. Aber leider hat das nicht die Beschleunigung gebracht, die wir uns erhofft hatten, speziell in der Krebsmedizin.

Warum sollte beim Design einer Studie die Stimme der Patient:innen unbedingt mit gehört werden?

Als Forschenden haben wir eine große medizinische und operative Expertise. Was uns in der Regel fehlt, ist der Blickwinkel der Patient:innen Wir wissen nicht, wie es einem geht in einer absoluten Ausnahmesituation, und was man überhaupt in der Lage ist zu leisten! Wenn ich mir Studienprotokolle ansehe, frage ich häufig: So oft müssen die Teilnehmenden kommen? So viele Stunden müssen sie aufwenden? An einer Studie teilzunehmen, ist eine Chance, aber auch eine Anstrengung, körperlich und mental, das müssen wir mitbedenken! Und wer könnte das besser beurteilen als ein Patient oder eine Patientin? Das ist unfassbar wichtig!

Der 4. Februar ist Weltkrebstag

Der Weltkrebstag findet jährlich am 4. Februar statt. Er hat zum Ziel, die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Welche Vorteile kann die Teilnahme an einer klinischen Studie gerade Krebspatient:innen bringen?

Menschen mit einer so schweren Erkrankung und auch ihre Angehörigen sind in einer absoluten Ausnahmesituation. Die Teilnahme an einer klinischen Studie ist keine Heilungsgarantie! Aber: Eine Studie bietet die Option einer innovativeren Behandlungsmöglichkeit als der Standardtherapie. Die Standardtherapie ist sehr gut – aber unter Umständen ist das neue Medikament noch besser. Man kann sagen: Die Teilnahme an einer Studie ist ein Geschenk der Hoffnung! Hinzu kommt, dass Studienteilnehmende sehr engmaschig betreut werden und mit den Studienkoordinator:innen zu jedem Zeitpunkt einen Ansprechpartner an ihrer Seite haben. Das ist für Patient:innen, die schwer krank ist, extrem positiv.

Was sagen Sie Patient:innen oder Angehörigen, die Angst vor der Teilnahme an einer Studie haben?

Unsere Studien laufen unter hohen und klar geregelten Sicherheitsvorkehrungen ab. Sie werden nicht nur von den Behörden auf Herz und Nieren geprüft, auch die Ethikkommissionen schauen ganz genau drauf. Wenn wir mit einer Studie beginnen, hat sie allen Prüfungen auf allen Ebenen standgehalten! Hinzu kommt, dass wir jeden einzelnen Teilnehmenden engmaschig betreuen – viel umfassender als im normalen Therapieablauf, das gibt den Patient:innen oft ein gutes Gefühl. Sollte es bei der engmaschigen Begleitung zu auffälligen Werten oder anderen Alarmsignalen wird eine Studie pausiert oder gestoppt. Ganz wichtig ist immer wieder zu sagen: Die Teilnahme an einer Studie ist komplett freiwillig. Wer im Verlauf der Studie das Gefühl hat, dass es doch nicht das Richtige ist, kann jederzeit aufhören. Diese Freiheit dürfen die Patientinnen sich nehmen.

Viele Patient:innen haben Angst davor, bei einer klinischen Studie ein Placebo verabreicht zu bekommen. Kann das passieren?

In der Regel wird die Wirkung eines innovativen Medikamentes mit der Standardtherapie verglichen. Nur in sehr seltenen Fällen und auch nur dann, wenn die Ethikkommission dem zugestimmt hat oder es keine alternative Behandlungsoption gibt, kann ein Placebo zum Einsatz kommen. Das bedeutet: Wer in einer randomisierten Studie im Kontrollarm landet, bekommt die beste Behandlung, die zu diesem Zeitpunkt zugelassen ist!

Studien finden und teilnehmen

Ihre Mitwirkung hilft nicht nur Ihnen selbst, sondern auch künftigen Generationen. Ohne evidenzbasierte Studien drohen Stillstand in der Forschung und Behandlungen ohne nachgewiesene Wirksamkeit – mit allen damit verbundenen Risiken.