Asthma: Klinische Studien als Schlüssel
Rund 355 Millionen Menschen weltweit haben Asthma. Zum Welt-Asthma-Tag erklärt Dr. Doris Henn, wie die chronisch-entzündliche Erkrankung heute behandelt wird – und warum klinische Studien für Patient:innen weiterhin wichtig sind.
Frau Henn, weltweit sind rund 355 Millionen Menschen an Asthma erkrankt. Worunter genau leiden diese Menschen?
Bei Menschen mit Asthma sind die Bronchien chronisch entzündet. Das führt zu einer Überempfindlichkeit der Atemwege, d.h. die Bronchien reagieren auf äußere Einflüsse und Reize stärker, als es eigentlich notwendig und nützlich wäre.
Das können Pollen oder Infekte, aber auch einfach körperliche Anstrengung sein. Die Folgen sind Atemnot, Husten oder ein Engegefühl in der Brust.
Asthma ist inzwischen gut behandelbar, das sah vor wenigen Jahrzehnten noch anders aus. Wie sind wir dahin gekommen, wo wir jetzt stehen?
Durch Forschung! Zuerst hat man die Symptome behandelt: mit einem Wirkstoff durch dessen Inhalation die Bronchien in der Lunge erweitert werden, damit man wieder Luft bekommt.
Dann erkannte man, dass Asthma eine Entzündung ist, und versuchte diese zu behandeln. Zuerst mit Kortisontabletten, das hat aber viele Nebenwirkungen. Das inhalierbare Kortison war dann der Game Changer: Es wirkt lokal und bekämpft die Entzündung direkt vor Ort.
Schließlich fand man heraus, dass die Kombination der beiden Wirkstoffe – bronchienerweiternd und entzündungshemmend – am effektivsten ist, damit kommen viele Asthmatiker:innen gut zurecht.
Was passiert, wenn diese Therapie nicht hilft?
Bei schwerem, unkontrolliertem Asthma können zusätzlich sogenannte Biologika eingesetzt werden. Diese Wirkstoffe greifen spezifisch in die Entzündungsprozesse im Körper ein und unterbrechen sie. Sie sind eine zielgerichtete Antikörper-Therapie.
Warum gibt es Ihrer Meinung nach weiter Verbesserungsbedarf bei der Therapie?
Weil wir immer noch in der Ursachenforschung und Symptombehandlung sind. Wenn wir Asthma eines Tages heilen wollen, müssen wir weiter forschen.
Für medizinischen Fortschritt brauchen wir klinische Studien. Inwiefern kann es sich für Asthmatiker:innen lohnen, an einer solchen Studie teilzunehmen?
Es gibt viele Menschen, die trotz Behandlung weiterhin starke Symptome haben und deren Lebensqualität unter der Erkrankung sehr leidet. Für diese Menschen ist die Teilnahme an einer klinischen Studie die Chance, ein neues und vielleicht wirksameres Medikament zu bekommen. Das ist eine gute Behandlungsoption! Hinzu kommt, dass man im Rahmen einer Studie engmaschiger betreut wird, oft zusätzliche Therapien bekommt.
"Abgesehen davon sollten wir uns alle bewusst machen: Ohne Studien hätten wir heute kein einziges Asthmamedikament!"
Asthma tritt besonders häufig bei Kindern auf, jedes 10. Kind ist betroffen. Werden in dieser Altersgruppe auch Studien durchgeführt?
Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Wir können bei Medikamenten nicht einfach die Dosierung runterrechnen und sicher sein, dass sie genauso wirken. Das heißt: Wir brauchen auch Asthma-Studien mit und für Kinder! Für diese Studien gelten dann noch strengere Regeln, und natürlich müssen beide Erziehungsberechtigte zustimmen.
Viele Menschen haben Angst davor, bei einer Studie ein Placebo zu bekommen.
Patient:innen, die an einer klinischen Studie teilnehmen, erhalten in der Regel entweder die in der Studie erprobte neue Therapieoption oder die bewährte Standardtherapie.
Für Teilnehmende in der Vergleichsgruppe bedeutet das: Es kommt die bereits etablierte Standardbehandlung zum Einsatz – also die Therapie, die sie auch außerhalb der Studie erhalten würden. Zudem haben die Menschen den Vorteil, dass sie engmaschiger betreut werden.
Dass bei Krebs, HIV, Parkinson und anderen lebensbedrohlichen Erkrankungen viel geforscht wird, leuchtet ein. Warum dürfen wir die so genannten Volkskrankheiten nicht vergessen?
Auch Diabetes, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck und andere, im ersten Moment vielleicht nicht ganz so bedrohlich wirkende Erkrankungen haben große Auswirkungen auf die Lebenserwartung und auch auf die Lebensqualität der Menschen. Und sie treten gehäuft im Alter auf.
Wir reden in Deutschland immer darüber, dass die Leute älter werden. Das stimmt, aber sie leben oft nicht länger gesund – die Krankheitsphase verlängert sich.
Hinzu kommt: Viele Patient:innen mit Volkskrankheiten sind trotz verfügbarer Therapien nicht optimal eingestellt. Wir sollten erreichen, dass Menschen so lang wie möglich gesund leben.
Um die Versorgung zu verbessern und neue, wirksamere Behandlungsoptionen zu entwickeln, braucht es genau dafür klinische Studien – auch und gerade bei Volkskrankheiten.
