Warum eine nationale Infrastruktur für Studien entscheidend ist
Innovative Therapien entstehen nicht von allein – sie brauchen funktionierende klinische Studien. Doch genau hier sieht Prof. Dr. Christof von Kalle große Defizite in Deutschland. Fehlende Finanzierung, unklare Zuständigkeiten und befristete Förderprogramme erschweren den Aufbau verlässlicher Studienzentren. Im Interview erklärt der Mediziner und Forschungsexperte, warum das nicht nur die Wissenschaft bremst, sondern auch direkte Folgen für Patient*innen hat.
Herr von Kalle, warum sind klinische Studien heute eine wichtige Säule der Gesundheitsversorgung?
Früher fand klinische Forschung quasi im Elfenbeintürmchen statt, für die Mehrheit der Patient*innen spielte sie keine Rolle. Heute haben wir aber so eine Beschleunigung in der Entwicklung neuer Therapien, dass die Teilnahme an einer Studie enormes Potential für jeden einzelnen hat.
Bei vielen Krebserkrankungen, immunologischen und seltenen Erkrankungen gibt es große therapeutische Fortschritte – von denen nur Patient*innen in Studien frühzeitig profitieren können.
Das klingt toll, in der Realität ist die Durchführung klinischer Studien aber herausfordernd. Warum?
Weil der Vorgang so komplex ist. Einerseits müssen Patient*innen verstehen, was eine klinische Studie ist und dass sie bei vielen Diagnosen heute ein wichtiger Teil der Behandlung sind. Andererseits müssen diese Menschen dann auch auf Ärzt*innen treffen, die ihnen genau diese Optionen anbieten und sie dann auch an die richtigen Studienzentren vermitteln können, und diese müssen dann auch existieren und leistungsfähig sein.
Diese „Konstellation der Gestirne“ ist die Grundvoraussetzung: Patient*in, Ärzt*in und Studie müssen auf die richtige Weise aufeinandertreffen und voneinander wissen.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit genau das gelingen kann?
Ein verlässliches Netzwerk von Studienzentren. Und das haben wir in Deutschland nicht, weil es ein Niemandsland zwischen den Zuständigkeiten der Ministerien gibt.
Können Sie das bitte erläutern?
Egal ob Land oder Bund, ein Gesundheitsministerium ist für die medizinische Versorgung zuständig, aber nur sehr bedingt für die versorgungsorientierte Forschung. Ein Forschungsministerium wiederum ist nicht für die medizinische Versorgung zuständig und auch nicht für Infrastrukturen im Gesundheitswesen.
Patient:innen mit Studienbedarf stehen also oft im Niemandsland zwischen diesen beiden klinischen Bereichen der Versorgung und Forschung.
Das heißt, die Finanzierung ist das Grundproblem?
Auch die kommerziellen Studien, bei denen ein Pharmaunternehmen ein neues Medikament auf den Markt bringen möchte und eine hohe Summe investiert, weil es sich daraus einen späteren Gewinn erhofft, sind auf eine professionelle Studieninfrastruktur in Krankenhäusern und Arztpraxen angewiesen, so wie ein Busunternehmer Straßen und ausgebildetes Personal braucht, um seinen Bus zu betreiben. Und dann gibt es ja auch noch Studien, die nicht einem direkten kommerziellen Interesse eines einzelnen Unternehmens liegen. Bei denen zum Beispiel untersucht wird, ob man Therapiemaßnahmen reduzieren kann oder ob die Kombination mit einem anderen, bereits zugelassenen Medikament eines anderen Herstellers eine bessere Wirkung erzielt oder bei einer anderen Erkrankung hilft. Solche Studien mehrerer Partner aus Akademie, Gesundheitssystem und Industrie müssen auch stattfinden und die Behandlung muss in einer gesicherten Infrastruktur umgesetzt werden.
Die Frage ist also: Wer bezahlt die Forschungsinfrastruktur in den medizinischen Universitäten?
Richtig. Das DRG-System der Krankenkassen ist eher auf Versorgungskrankenhäuser zugeschnitten und bezahlt keine klinischen Studien. Eine ähnliche Lücke gibt es für Forschung und Lehre dieser Art klinischer Forschung. Würden Sie einen Beruf ergreifen dessen langfristige Finanzierung nicht gesichert ist?
Wie geht man denn damit aktuell in der Praxis um?
In Deutschland bekommen Universitäten vorübergehende, oft kleinteilige Förderprogramme, wie bei einer kleinen Schnitzeljagd, mit der Begründung: Netzwerkförderung.
Aber diese Förderprogramme laufen nach drei, vier oder fünf Jahren aus. In der Zeit schafft man vielleicht die Vorbereitung und den Anfang einer Generation von Studien – danach sollen die Zentren profitabel arbeiten und sich refinanzieren. Das klappt aber nicht.
Aber die Netzwerkidee an sich klingt vernünftig, oder?
Ja klar, aber dieses Ökosystem ist bisher nicht auskömmlich finanziert.
Erstens haben die Unikliniken keine gemeinsame Datenstruktur für Patientendaten und können, das haben wir bei COVID gesehen, nicht leicht gemeinsam forschen. Das soll das NUM Netzwerk jetzt ja ändern.
Zweitens ist die begrenzte Finanzierung auch für Forschende nicht attraktiv: Ein Studienzentrum muss erst mal in Gang kommen, das dauert – wie soll man da zum Studienspezialist werden, bevor die Förderung schon wieder abgelaufen ist? Da geht der akademische forschende Nachwuchs lieber in die Industrie oder in ein anderes Land. Wir nehmen uns damit selbst die nächste Generation klinischer Forscher.
Was ist Ihrer Ansicht nach die Lösung?
Deutschland muss eine Infrastrukturinvestition machen. Das haben andere Länder vorgemacht!
In Asien und in Amerika wurden große, strategische Investitionen im Milliardenbereich in nationale Studienzentren getätigt, um genau das zu schaffen: den Schritt von der Grundlagenforschung hin zur verlässlichen medizinischen Versorgung.
Wenn Deutschland als selbstbewusster Studienstandort erfolgreich und für die forschende Pharmaindustrie attraktiv sein möchte, muss es in eine nachhaltige Studien-Infrastruktur investieren.
Ja, das kostet am Anfang. Aber wir sehen in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, Dänemark und Spanien, dass es funktioniert und sich im Endeffekt nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich sehr deutlich auszahlt.
