7 Mythen über klinische Studien

Rund um klinische Studien halten sich viele Vorurteile – etwa, dass Teilnehmende als "Versuchskaninchen" dienen oder nur Placebos erhalten. Im STUDIENWIRKEN-Interview räumt Dr. Simone Kappels, Leiterin Klinische Forschung Onkologie für Deutschland, Österreich, Schweiz bei AstraZeneca, mit sieben häufigen Mythen auf. Sie erklärt, wie klinische Studien tatsächlich ablaufen, welche Sicherheitsvorkehrungen gelten und warum sie für den medizinischen Fortschritt unverzichtbar sind.

  • Frederike Rausch
  • Medizinredakteurin
  • 14/08/2026

Mythos 1: „Klinische Studien sind nur für schwerkranke Menschen.“

Das stimmt so nicht. Klinische Studien gibt es in schweren, aber auch in weniger schweren Erkrankungen, weil sie einfach notwendig sind, um überhaupt neue Therapien zu entwickeln und zu etablieren. Die meisten Studien richten sich an Menschen mit einer bestimmten Erkrankung. Es gibt allerdings auch bestimmte klinische Studien, die sich an gesunde Menschen richten. Jedoch nicht in der Krebsmedizin.

Mythos 2: „Wer an einer klinischen Studie teilnimmt, ist ein Versuchskaninchen.“

Das Gegenteil ist der Fall. Teilnehmende bekommen eine extrem engmaschige Betreuung – viel engmaschiger, als das in der Regel bei einer „normalen“ Behandlung möglich ist. Bevor eine Studie starten kann, müssen Unternehmen bisherige Forschungsergebnisse und das geplante Studiendesign bei Behörden und Ethikkommissionen einreichen.

Auch in den Studien selbst gibt es klare Sicherheitsmechanismen. Die Sicherheit der Teilnehmenden steht an erster Stelle. Jedes auftretende Symptom wird erfasst, analysiert und aufgrund der engmaschigen Betreuung kann meist schnell darauf reagiert werden.

Mythos 3: „In klinischen Studien bekommt man vielleicht nur ein Placebo statt einer echten Behandlung.“

In der Regel nicht. Meist haben wir einen innovativen neuen Therapieansatz, den wir mit der Standardtherapie vergleichen. Ein reines Placebo ohne jede Behandlung ist nach internationalem ethischem Grundsatz nur dann erlaubt, wenn keine wirksame Standardtherapie existiert. In der Onkologie ist das die absolute Ausnahme.

Mythos 4: „Klinische Studien sind gefährlicher als die Standardtherapie.“

Das kann man so nicht sagen. Patient*innen in Studien werden enger überwacht. Teilnehmende haben viel häufiger Kontakt mit ihren Ärzt*innen als in der Standardtherapie und werden sehr engmaschig betreut. Wenn ein neuer Therapieansatz in einer klinischen Studie geprüft wird, wurde daran außerdem meist schon viele Jahre geforscht. Wir haben also bereits viele Erkenntnisse und wissen in der Regel ziemlich genau, worauf wir achten müssen.

Natürlich machen wir klinische Studien auch, um Nebenwirkungen genau zu evaluieren. Es kann also vorkommen, dass etwas auftritt, womit man vorher nicht gerechnet hat. Aber genau dafür gibt es engmaschige Sicherheitsmechanismen: Jede Nebenwirkung – auch eine leichte – wird systematisch dokumentiert. Ein unabhängiges Expertengremium prüft laufend, ob die neue Therapie sicher ist, und kann eine Studie jederzeit stoppen oder anpassen. Patient*innen sind also nicht auf sich allein gestellt, sondern werden durchgehend begleitet.

„Klinische Studien bieten Patient*innen die Chance, Zugang zu Innovationen zu erhalten, die sonst erst Jahre später verfügbar wären.“

Dr. Simone Kappels

Mythos 5: „Für eine Teilnahme an einer klinischen Studie muss ich weite Reisen und viele zusätzliche Termine in Kauf nehmen.“

Sehr weite Anfahrtswege sind meist nicht nötig. Inzwischen gibt es Prüfzentren über das ganze Bundesgebiet verteilt – nicht nur an Universitätskliniken, sondern auch in Krankenhäusern und Facharztpraxen.

Was stimmt, ist, dass eine Studienteilnahme einen zeitlichen Invest bedeutet und mehr Termine dazugehören, um die engmaschige Betreuung sicherzustellen. Allerdings arbeiten wir an dezentralen Studienelementen, sodass zukünftig Maßnahmen wie telemedizinische Visiten, Fernüberwachung von Vitalwerten oder Medikamentenlieferungen nach Hause die Teilnahme – gerade für Patient*innen, die nicht in der Nähe eines großen Zentrums leben – erleichtern können. Anfallende Fahrtkosten werden in der Regel erstattet.

Mythos 6: „Wenn ich an einer klinischen Studie teilnehme, kann ich nicht mehr selbst entscheiden.“

Das stimmt nicht. Schon die Entscheidung für oder gegen eine Studienteilnahme trifft jede*r selbst. Vor einer Entscheidung erhalten Patient*innen ausführliche Informationen und ausreichend Zeit, um sich alles in Ruhe zu überlegen. Man kann außerdem zu jeder Zeit sagen: ,Ich möchte nicht mehr mitmachen.‘ Dafür müssen nicht einmal Gründe angegeben werden. Wer eine Studie beendet, hat dadurch keine Nachteile. Stattdessen wird gemeinsam geschaut, was der nächste sinnvolle Schritt in der Behandlung ist.

Mythos 7: „Von klinischen Studien profitiert nur die Forschung – nicht die Patientinnen und Patienten.“

Klinische Studien bieten Patient*innen die Chance, Zugang zu Innovationen zu erhalten, die sonst erst Jahre später verfügbar wären. Und der persönliche Nutzen geht über den neuen Wirkstoff hinaus: Zu der engmaschigen, sehr persönlichen Betreuung kommt der Zugang zu umfassender Diagnostik – etwa molekularer Tumorprofilierung – die im Regelfall nicht immer erstattet wird. Und wir dürfen nicht vergessen: Ohne klinische Forschung gäbe es kein einziges Medikament.