Geschlechtergerechte Forschung für eine bessere Versorgung

Lange Zeit galt der männliche Körper als medizinischer Standard. Aber gerade in der Medizin gibt es bei Frauen und Männern weitreichende Unterschiede im Hinblick auf Diagnostik, Symptome, Wirkung von Medikamenten und Art und Schwere von Nebenwirkungen, die dringend berücksichtigt werden müssen.

  • Miriam Funk
  • Medizinredakteurin
  • 18/09/2026

Hinzu kommen psychosoziale Faktoren wie Lebensumstände, Geschlechterrollen oder das Alter, die ebenfalls Einfluss auf die Behandlung haben können. Genau hier setzt die gendergerechte Medizin an: Sie möchte diese Unterschiede besser verstehen und in Bezug auf Forschung, Diagnose und Behandlung berücksichtigen.

Frauen wurden in Studien nicht ausreichend einbezogen

Lange Zeit war das jedoch nicht selbstverständlich. Über Jahrzehnte wurden Frauen in klinischen Studien nur unzureichend berücksichtigt oder sogar ganz ausgeschlossen. Viele zugelassene Medikamente und Therapien wurden deshalb überwiegend mit männlichen Studienteilnehmern entwickelt und geprüft. Die Folgen sind bis heute spürbar: Erkrankungen werden bei manchen Menschen später erkannt, Therapien wirken nicht bei allen gleich gut oder verursachen häufiger Nebenwirkungen.

Ein bekanntes Beispiel ist der Herzinfarkt. Zwar treten die typischen Brustschmerzen sowohl bei Männern als auch bei Frauen auf. Etwa jede fünfte Frau zeigt jedoch eher unspezifische Beschwerden wie starke Erschöpfung, Übelkeit oder Schmerzen zwischen den Schulterblättern. Dadurch wird ein Herzinfarkt bei Frauen oft später erkannt, was fatale Folgen haben kann.

Frauen stärker repräsentieren

„Studien sind die Basis unserer medizinischen Versorgung. Wenn wir gute Forschung machen wollen, müssen wir auch gute Studien durchführen. Dazu gehört, dass die Menschen, denen eine Behandlung später zugutekommen soll, in den Studien angemessen vertreten sind“, so Prof. Dr. Gertraud Turu Stadler.

Dabei geht es nicht darum, Frauen und Männer grundsätzlich unterschiedlich zu behandeln. Vielmehr soll die medizinische Versorgung so individuell wie möglich und Unterschiede berücksichtigt werden. Neben biologischen Unterschieden spielen beispielsweise auch Alter, soziale Lebensbedingungen oder andere Diversitätsmerkmale eine Rolle. Je besser diese Faktoren in klinischen Studien berücksichtigt werden, desto aussagekräftiger sind die Ergebnisse und desto gezielter können Diagnosen gestellt und Therapien entwickelt werden.

Geschlechtergerechte Forschung kommt deshalb allen zugute. Denn nur wenn klinische Studien die Vielfalt der Bevölkerung widerspiegeln, können neue Medikamente und Behandlungen langfristig für möglichst viele Menschen sicher und wirksam sein.

Zur Person

Prof. Dr. Gertraud Turu Stadler ist Leiterin der Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité Berlin. Sie ist Mitglied des Advisory Boards von STUDIENWIRKEN und leitet den Arbeitskreis „Gendergerechte Studien“.

Mehr zum Thema erklärt Prof. Dr. Gertraud Turu Stadler im Podcast „Echt & Unzensiert“. Auszüge aus dem Gespräch dienten als Grundlage für diesen Beitrag.