„Klinische Studien sind wichtiger Teil der Epidemievorsorge“

Zum Internationalen Tag der Epidemievorsorge am 27. Dezember erklärt Prof. Dr. Janne Vehreschild, Sprecher des Studiennetzwerks im Netzwerk Universitätsmedizin und Leiter des Instituts für Digitale Medizin und Klinische Datenwissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt, welche Bedeutung klinischen Studien bei der Prävention und bei der akuten Bekämpfung von Epidemien zukommt.

Herr Vehreschild, warum sind klinische Studien im Rahmen der Epidemievorsorge so wichtig?

In den meisten Fällen ist die beste Vorbeugung für Epidemien die Impfung. Ein gutes Beispiel dafür ist der Grippeimpfstoff, der jedes Jahr angepasst werden muss an die epidemischen Stämme. Und da man aus der Medizingeschichte weiß, dass nicht jede Impfung gut verträglich ist, ist es extrem wichtig, dass neue Impfstoffkandidaten klinisch erprobt werden – rechtzeitig, damit man die Impfung als präventive Maßnahme einsetzen kann.

Die zweite große Säule der Epidemievorsorge ist die Wirkstoffforschung: Wir haben auf der ganzen Welt eine Zunahme von multiresistenten Bakterien und auch immer wieder neue Viren. Hier sind klinische Studien wichtig um herauszufinden, was wir gegen Infektionen tun können – sowohl mit neuen Mitteln gegen Viren und Parasiten als auch mit Antibiotika gegen multiresistente Bakterien.

Welche Bedeutung kommen klinischen Studien im Fall einer akuten Epidemie zu?

Wenn ein neuer Erreger auftaucht, ist es nicht unwahrscheinlich, dass wir bereits zugelassene Medikamente haben, die vielleicht helfen könnten.

Es gibt aus der COVID-Pandemie ein gutes Beispiel dafür: Bei der Recovery-Studie in Großbritannien wurden innerhalb kürzester Zeit über 10.000 Patient:innen in eine klinische Studie eingeschlossen. Ziel war herauszufinden, welche bei ähnlichen Infektionen wirksamen Medikamente vielleicht auch bei COVID funktionieren.

Die Ergebnisse der Studie definieren bis heute die Behandlungsstandards bei COVID, z.B. wann eine Patient:in mit Kortison behandelt werden sollte.

Epidemie vs. Pandemie: Was ist der Unterschied?

Bei einer Epidemie breitet sich eine ansteckende Krankheit schnell regional aus und führt zu einer überdurchschnittlich großen Zahl von Erkrankten. Meist werden die Infektionskrankheiten von Viren oder Bakterien übertragen. Auch Pilze, Parasiten und verunreinigtes Wasser oder Lebensmittel können zu einer Epidemie führen.

Oft muss aber ein ganz neuer Wirkstoff entwickelt werden, oder?

Ja, natürlich, und das kann heutzutage durch die mRNA-Technologie, mit KI und vielen neuen Methoden in der Arzneistoffentwicklung zum Glück sehr schnell gehen. Bei COVID hat es noch nicht einmal ein Jahr gedauert, bis es den ersten spezifischen Impfstoffkandidaten gab, der dann in klinischen Studien erprobt werden konnte.

Inwiefern ist das NUM Studiennetzwerk ein Teil der Epidemievorsorge in Deutschland?

Wir haben im Rahmen der COVID-Pandemie Strukturen geschaffen, auf die wir heute sofort zurückgreifen können.

In unserem Fachnetzwerk Infektionen sind 15 Universitätskliniken vertreten, dieses Team ist fest finanziert. Es führt klinische Studien im Bereich der Infektionsforschung durch – aber es gibt ein fertiges Pandemieprotokoll, das mit der Ethikkommission und den zuständigen Behörden abgestimmt ist.

Wenn eine neue Pandemie käme, könnte dieses Team mit einem Beschluss des wissenschaftlichen Steuerungsgremiums noch am gleichen Tag das ganze Netzwerk auf Pandemiebetrieb umschalten und Studien ausrollen.

Studien finden und teilnehmen

Ihre Mitwirkung hilft nicht nur Ihnen selbst, sondern auch künftigen Generationen. Ohne evidenzbasierte Studien drohen Stillstand in der Forschung und Behandlungen ohne nachgewiesene Wirksamkeit – mit allen damit verbundenen Risiken.