Patientenbeteiligung – ein Muss in der klinischen Forschung
Ira Schiwek ist 42 Jahre alt, Mutter einer kleinen Tochter (7) – und leidet an zwei Autoimmunerkrankungen. Von ihren Erfahrungen als Betroffene sollen andere profitieren, deshalb engagiert sie sich aktiv in der Patientenbeteiligung. Im STUDIENWIRKEN-Interview erzählt Ira, wie sie beim Design und der Durchführung klinischer Studien hilft.

Liebe Ira, du leidest an zwei Autoimmunerkrankungen. Welche sind das?
2021 wurde bei mir das Sjögren-Syndrom diagnostiziert, 2023 systemischer Lupus erythematodes. Das sind beides entzündlich rheumatische Autoimmunerkrankungen.
Mit welchen Symptomen zeigen sich die Erkrankungen?
Die Symptome überschneiden sich. Beim Sjögren-Syndrom greift der Körper z.B. die eigenen Feuchtigkeitsdrüsen an und zerstört sie. Die Erkrankung ist systemisch, d.h. alle Feuchtigkeitsdrüsen können betroffen sein, aber auch Muskeln, Gelenke und Organe. Viele Betroffene leiden auch an Fatigue und Neuropathie.
Beim Lupus kommen bei mir noch Fieberschübe und Ausschlag hinzu, es können aber auch andere Organe sein. Die Erkrankungen sind wie Bruder und Schwester.
Welche Therapieoptionen gibt es für Betroffene?
Für das Sjögren-Syndrom gibt es kein zugelassenes Medikament. Behandelt werden jeweils die einzelnen Symptome.
Zur Person
Ira Schiwek ist Buchautorin, Sozialpädagogin, Model und Mutter und lebt mit den Autoimmunerkrankungen Lupus Erythematodes und Sjögren Syndrom. Auf Instagram teilt sie unter @autoimmunebalanceclub ihre Erfahrungen.
Hast du selbst an einer klinischen Studie teilgenommen?
Ich habe mich gegen eine Medikamenten-Studie entschieden. Meine Tochter war damals noch sehr klein und ich konnte sowieso schon kaum für sie da sein. Mit den möglichen Nebenwirkungen wäre es eventuell noch weniger geworden, das wollte ich nicht.
Aber ich habe oft an Studien teilgenommen, in denen es um Alltagsbewältigung, Mental Load, Belastung usw. ging. Das waren z.B. qualitative Gespräche oder App-Tests.
Inwiefern waren diese nicht-medikamentösen Studien wichtig für dich?
Sie haben mir gezeigt, dass nicht nur die medizinischen Aspekte einer chronischen Erkrankung gesehen werden, sondern auch die Last der Krankheitsbewältigung. Und die ist für jeden von uns enorm.
Sjögren-Syndrom
Das Sjögren-Syndrom ist eine chronisch verlaufende Autoimmunerkrankung. Typisch ist eine Trockenheit der Augen und des Mundes, verursacht durch eine chronische Entzündung der Drüsen, die Speichel- und Tränenflüssigkeit produzieren. Auch Gelenke und Muskulatur sowie innere Organe und das Nervensystem können betroffen sein. Betroffene leiden außerdem oft an Konzentrationsschwäche, Abgeschlagenheit, Depression und Verdauungsbeschwerden.
Systemischer Lupus erythematodes
Der systemische Lupus erythematodes (SLE) ist eine seltene, chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung. Sie entsteht durch eine fehlgeleitete Immunantwort, bei der das Immunsystem überreagiert und sich gegen den eigenen Körper richtet, was zu Organschäden und Entzündungsreaktionen führt.
Du beteiligst dich als Patientenexpertin an der Forschung. Warum ist es wichtig, dass Betroffene von Anfang in das Studiendesign an einbezogen werden?
Studien sollten viele Patient*innen erreichen. Dafür müssen sie in den Alltag der Menschen passen und auch für Berufstätige, Familien, Betroffene mit sehr schweren Symptomen oder im Rollstuhl, Patient*innen mit geringem Einkommen usw. machbar sein.
Auch die Bedürfnisse während einer Studie müssen mitgedacht werden, z.B. vor Ort Zeit zum Ausruhen und Decken zum Wärmen. Die Studienteilnahme darf nicht in Stress ausarten, denn das ist bei Autoimmunerkrankungen oft ein Auslöser für Schübe.
Deshalb ist es sehr wichtig, dass Ärzt*innen, Forschende und Patient*innen zusammenarbeiten.
Kannst du uns ein paar Beispiele nennen, woran du beteiligt bist?
Ich werde z.B. gefragt: Wie viele Termine sind zumutbar? Was brauchen Patient*innen, um an der Studie teilnehmen zu können? Dann kann ich ganz konkrete Punkte anbringen, z.B. Fahrtkostenerstattung, wenn man nicht mobil ist, keine 8-Stunden-Termine, weil das Fatigue-Patient*innen ausschließt, Termine nicht nur am Vormittag, weil sonst Berufstätige nicht teilnehmen können.
Ich bewerte auch Medikamente nach bestimmten Aspekten, z.B.: Würdest du lieber täglich eine Tablette nehmen oder dich lieber einmal pro Woche spritzen oder lieber einmal im Monat eine Infusion nehmen? Was würde mir besser dein Alltag passen?
Beipackzettel lese ich unter Aspekten wie: Sind sie verständlich? Haben sie den richtigen Ton? Fühlen sich Patient*innen mit ihren Sorgen dadurch gesehen?
Bei einer Patientenbroschüre durfte ich auch Input geben, das war großartig.
Welche Hoffnung setzt du in die Forschung?
Es tut sich gerade sehr viel. Ein Medikament ist vor der Zulassung – das macht uns Patient*innen große Hoffnung.
Was ziehst du für dich persönlich aus dieser vielfältigen Arbeit?
Es ist ein schönes Gefühl, wenn man plötzlich merkt: Ich bin als Patientin wichtig, meine Ideen werden ernstgenommen und umgesetzt. Es gibt mir Kraft und das Gefühl: Ich habe selbst etwas in der Hand! Und ich helfe anderen: Hätte ich zum Anfang eine Patientenbroschüre gehabt, hätte ich mich viel besser aufgefangen gefühlt.
Wenn du dir als Patientin etwas wünschen könntest für klinische Studien, was wäre das?
Ich wünsche mir mehr Hybridstudien: Teilnehmende müssen nicht immer ins Studienzentrum fahren, bestimmte Laborwerte übernimmt der Hausarzt, manche Fragen werden online beantwortet. Das würde viel besser zum Familienalltag passen.
Und: Studienergebnisse müssen niedrigschwellig, klar und alltagsnah formuliert werden. Oft sind Studien wie eine Blackbox: Betroffene machen mit – aber was dabei herauskommt, ist dann nur im Elfenbeinturm der Forschung zu finden. Wenn ich als Patient*in aber weiß: Bei dieser Studie kam dieses Ergebnis heraus – dann kann ich gegenüber meinem Arzt ganz anders argumentieren, besser für mich sorgen.