Brustkrebs: Wie neue Studien die Behandlung präziser und schonender machen könnten

Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Behandlung von Brustkrebs von "möglichst viel Therapie für alle" hin zu "die richtige Therapie für die richtige Patientin" verschiebt. Dieser Überblick zeigt die wichtigsten aktuellen Entwicklungen und was davon schon heute in der Praxis ankommt.

  • Dagmar Schüller
  • Medizinredakteurin
  • 01/10/2026

Therapie nach Mutation: Wenn der Tumor beim Namen genannt wird

Lange Zeit war vor allem eine grobe Einteilung des Tumors für die Auswahl der Brustkrebs-Therapie entscheidend: Ist er hormonempfindlich oder nicht, HER2-positiv oder nicht? Heute liefern Bluttests während der Behandlung zusätzliche Informationen, beispielsweise, ob der Tumor eine neue Schwachstelle oder Resistenz entwickelt hat.

Ein Beispiel ist die Studie SERENA-6. Bei Patientinnen mit hormonrezeptor-positivem, HER2-negativem fortgeschrittenem Brustkrebs unter einer Aromatasehemmer-Therapie wurde das Blut regelmäßig auf eine sogenannte ESR1-Mutation untersucht. Dies gilt als Zeichen, dass der Tumor gegen die laufende Therapie resistent wird. Nach dem Nachweis dieser Mutation im Blut, wechselten die Ärztinnen und Ärzte frühzeitig auf den Wirkstoff Camizestrant, noch bevor der Tumor auf einer Aufnahme sichtbar weitergewachsen war. Das Ergebnis: Die Zeit bis zum erneuten Fortschreiten der Erkrankung verlängerte sich von 9,2 auf 16,0 Monate.

Ähnlich zielgerichtet setzt die Studie INAVO120 an, deren Daten zum Gesamtüberleben inzwischen ausgewertet vorliegen. Bei Patientinnen mit einer der häufigsten Genveränderungen bei Brustkrebs (PIK3CA-Mutation) verlängerte der Wirkstoff Inavolisib in Kombination mit zwei etablierten Medikamenten das Gesamtüberleben von 27,0 auf 34,0 Monate deutlich. Das unterstreicht, wie wichtig ein routinemäßiger Gentest auf PIK3CA-Mutationen im fortgeschrittenen Stadium werden könnte. Allerdings sind Nebenwirkungen wie erhöhter Blutzucker, Schleimhautentzündungen und Durchfall relevante Begleiterscheinungen dieser gezielten Therapie.

Antikörper-Wirkstoff-Konjugate: Trojanische Pferde gegen Krebszellen

Eine wichtige Entwicklung der vergangenen zwei Jahre betrifft die Wirkstoffklasse Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs). Hierbei dockt ein Antikörper gezielt an der Krebszelle an und schleust dort ein Zellgift direkt hinein. Gesundes Gewebe wird bei diesem Verfahren stärker geschont als bei einer klassischen Chemotherapie.

Bei HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs zeigte die Studie DESTINY-Breast09 vielversprechende Ergebnisse: Die Kombination aus dem ADC Trastuzumab-Deruxtecan und dem Antikörper Pertuzumab verlängerte die progressionsfreie Zeit von 26,9 auf 40,7 Monate gegenüber der bisherigen Standardtherapie. Allerdings entwickelte etwa jede achte behandelte Patientin eine Lungenentzündung (Pneumonitis). Nebenwirkungen wie diese erfordern bei behandelten Patientinnen daher eine engmaschige Überwachung.

Die Studie DESTINY-Breast06 zeigt, dass auch Tumoren mit nur sehr geringer HER2-Ausprägung („HER2-low“ oder „HER2-ultralow“) von diesem ADC profitieren können. Das löst die bisherige strikte Einteilung in HER2-positiv oder HER2-negativ zunehmend auf.

Beim besonders aggressiven triple-negativen Brustkrebs (TNBC) zeigte die Studie ASCENT-04/KEYNOTE-D19, dass die Kombination aus dem ADC Sacituzumab-Govitecan und einer Immuntherapie das progressionsfreie Überleben gegenüber Chemotherapie plus Immuntherapie verlängert (11,2 versus 7,8 Monate). Dabei kam es unter der ADC-Kombination häufiger zu Blutbildveränderungen wie einer verringerten Zahl weißer Blutkörperchen (Neutropenie), unter der Chemotherapie hingegen häufiger zu Blutarmut. Ob sich das auch positiv auf die Gesamtlebenszeit der Patientinnen auswirkt, ist noch offen. Dafür müssen die Teilnehmerinnen noch länger beobachtet werden.

Bereits einen Schritt weiter ist der verwandte Wirkstoff Datroway (Datopotamab-Deruxtecan), gestützt auf die Studie TROPION-Breast02. Im Sommer 2026 wurde er von der EU-Kommission als Erstlinientherapie für Patientinnen mit metastasiertem TNBC zugelassen, für die eine Immuntherapie nicht infrage kommt. Bei den behandelten Patientinnen sank das Sterberisiko um 43 Prozent, das mediane Gesamtüberleben stieg von 18,7 auf 23,7 Monate. Die Nebenwirkungen entsprachen dabei denen, die von diesem Wirkstoff bereits aus früheren Studien bekannt waren.

Weniger ist manchmal mehr: Deeskalation mit Sicherheitsnetz

Neben der Entwicklung neuer Wirkstoffe, untersucht eine wachsende Zahl von Studien gezielt, wo sich Chemotherapie, bestimmte Wirkstoffe oder auch Operationen ohne Nachteil für die Patientinnen reduzieren lassen.

Auf dem ASCO-Kongress 2026 wurden erste Ergebnisse der Studie OPTIMA vorgestellt: Bei mehr als 4.400 Frauen mit klinisch hochriskantem, hormonrezeptor-positivem Brustkrebs zeigte ein Gentest, dass Patientinnen mit niedrigem genomischem Risiko auch ohne Chemotherapie ähnlich gute Ergebnisse erzielten wie mit der bisherigen Standardbehandlung aus Chemo- und Hormontherapie. Einschränkend gilt: Die bisherige Nachbeobachtungszeit von im Schnitt vier Jahren ist bei hormonrezeptor-positivem Brustkrebs, der auch nach vielen Jahren noch rückfällig werden kann, noch recht kurz.

Bei Patientinnen mit HER2-positivem Brustkrebs vor der Operation untersuchte die im Journal of Clinical Oncology veröffentlichte Studie neoCARHP, ob auf den Zusatzwirkstoff Carboplatin verzichtet werden kann. Das Ergebnis: Die Rate kompletter Tumorrückbildungen blieb vergleichbar (64,1 gegenüber 65,9 Prozent), gleichzeitig traten ohne Carboplatin weniger schwere Nebenwirkungen auf.

Die Studie SENOMAC untersuchte, ob bei ein bis zwei befallenen Wächter-Lymphknoten in der Achselhöhle wirklich immer eine vollständige Entfernung aller Lymphknoten nötig ist. Nach rund fünf Jahren war das Gesamtüberleben ohne diese ausgedehnte Operation genauso hoch wie mit ihr (94,4 gegenüber 93,4 Prozent) – bei deutlich weniger Beschwerden im Arm.

Was das für Patientinnen heute schon bedeutet

So vielversprechend viele dieser Ergebnisse klingen: Ein Teil der Daten stammt bislang aus Kongresspräsentationen und Zwischenauswertungen, nicht aus vollständig veröffentlichten Studien. Bis neue Erkenntnisse in offiziellen Behandlungsleitlinien ankommen, vergehen oft ein bis zwei Jahre. Außerdem hat nicht jede Patientin gleich guten Zugang zu den notwendigen Gentests und Bluttests und nicht jede Krankenkasse übernimmt die Kosten für die oft teuren neuen Medikamente in gleichem Umfang.

Dennoch zeichnet sich ab, dass sich die Brustkrebsforschung verändert – weg von starren Standardtherapien hin zu einer Behandlung, die sich an der molekularen Biologie des einzelnen Tumors orientiert. Für Patientinnen bedeutet das mittelfristig idealerweise eine Therapie, die genauer auf sie zugeschnitten ist.