Herr von Hirschhausen, Sie haben einmal gesagt: „Wissenschaft ist der beste Prozess, um zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden zu lernen.“ Inwiefern trifft dieser Satz gerade auch auf die Medizin zu?
Kaum ein Bereich ist so anfällig für Wunschdenken wie die Medizin, weil es um das Kostbarste geht, was wir haben – unsere Gesundheit und die unserer Liebsten. Wer krank ist, greift nach jedem Strohhalm, und genau da beginnt der Unterschied zwischen Hoffnung und Heilung zu verschwimmen. Die klinische Studie fragt nicht „Was würdest du gerne hören?“, sondern „Wirkt XY tatsächlich besser, als nichts zu tun oder ein Placebo zu nehmen“.
Die Methode ist unbestechlich gegenüber Prominentenempfehlungen, Marketing und der Sehnsucht, dass etwas wahr sein möge. Deshalb ist sie auch das genaue Gegenteil von dem, was Betrüger gerade mit meinem Gesicht im Netz verkaufen: es gibt keine Wundermittel, und schon gar keine, die ich verkaufen würde. Es sterben heute laut WHO mehr Menschen an falschen Gesundheitsinformationen als im Straßenverkehr. Das ist keine akademische Debatte, zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden zu können. In der Medizin ist es manchmal eine Frage von Leben und Tod.
Medizinischer Fortschritt braucht Forschung – und Forschung Menschen, die bereit sind, an klinischen Studien teilzunehmen. Was hat Sie bewegt, 2021 an einer klinischen Impfstudie teilzunehmen?
Ich fand es unehrlich, öffentlich fürs Impfen zu werben, ohne selbst bereit zu sein, für die Forschung dahinter den Ärmel hochzukrempeln. Als Arzt weiß ich, dass jede Zulassung auf den Schultern von Menschen steht, die vorher bereit waren, sich impfen zu lassen, ohne zu wissen, ob sie Wirkstoff oder Placebo bekommen. Irgendjemand muss anfangen, damit am Ende Millionen folgen können. Ich wollte nicht nur kommentieren, sondern Teil des Prozesses sein, den ich meinem Publikum jahrelang erklärt hatte – Wissenschaft ist kein Zuschauersport.

Zur Person
Dr. Eckart von Hirschhausen ist Arzt, Wissenschaftsjournalist und Gründer der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen. Als Moderator führt er am 15. Oktober durch die Veranstaltung „STUDIENWIRKEN 2026: Vielfalt. Zugang. Machbarkeit.“, die in Berlin im Auditorium Friedrichstraße stattfindet.
Wie haben Sie die Studienteilnahme erlebt – und was haben Sie als Arzt aus dieser Erfahrung mitgenommen?
Ich habe zum ersten Mal seit dem Studium wieder erlebt, wie es sich anfühlt, Patient zu sein statt Arzt – mit Aufklärungsbogen, Wartezimmer, einem Tagebuch für jedes Zwicken und Ziepen, und der kompletten Unwissenheit, ob im Fläschchen der Wirkstoff oder Kochsalzlösung war. Genau diese Verblindung, über die ich vorher x-mal referiert hatte, habe ich am eigenen Leib gespürt. Mitgenommen habe ich Respekt: vor den Studienschwestern, die einen über Wochen begleiten, und vor den ganz normalen Menschen, die sich melden, ohne dass eine Kamera dabeisteht. Für mich sind die Freiwilligen einer Studie die eigentlichen, unbesungenen Helden der Medizin.
Klinische Studien gelten als Goldstandard der evidenzbasierten Medizin. Welche Schwächen dieses Systems müssen wir aber auch thematisieren?
Studienzentren konzentrieren sich oft in Großstädten – wer auf dem Land wohnt oder nicht mobil ist, kommt oft gar nicht erst infrage, dabei müssten Studienteilnehmer so sein wie die Bevölkerung, die später das Medikament nimmt. Zweitens die Finanzierung: Eine Stuhltransplantation beispielsweise kann Leben retten, ist aber „zu billig“, d.h. weil niemand groß daran verdient, wird lieber an ausgefallenen und teuren Molekülen getüftelt. Wir brauchen gute unabhängige und gemeinnützige Forschung auch an unspektakulären Wirkstoffen wie Bewegung, Ernährung oder Demenzprophylaxe durch soziale Interventionen, Tischtennis oder Radfahren. Drittens der Publikationsbias: Studien mit enttäuschendem Ergebnis verschwinden häufiger in der Schublade, dagegen helfen Register und offene Daten.
Und wenn es gute Evidenz für etwas Neues gibt, müssen wir das schneller kommunizieren und ermöglichen. Denn Patienten mit einer seltenen oder fortschreitenden Erkrankung haben keine Zeit.
Frauen, Männer und Menschen mit unterschiedlichen Genderidentitäten unterscheiden sich in der Entstehung von Krankheiten, in der Symptomatik, dem Therapieansprechen. Oft bilden klinische Studien diese Realität aber unzureichend ab. Was muss sich ändern, damit medizinische Evidenz wirklich für alle gilt?
Über Jahrzehnte war der rund 70 Kilogramm schwere, mittelalte Mann die stille Norm, nach der Dosierungen und Studien ausgerichtet wurden. Das ist keine Petitesse: Hormonhaushalt, Körperzusammensetzung und Leberstoffwechsel unterscheiden sich, das kann bedeuten, dass eine Standarddosis bei Frauen anders wirkt oder mehr Nebenwirkungen macht. Geschlecht und Diversität müssen von der Studienplanung an mitgedacht werden, nicht nachträglich in einer Fußnote. Evidenz, die nur für die Hälfte der Menschheit gilt, ist keine gute Evidenz.
Viele Menschen haben Vorbehalte gegenüber der medizinischen Forschung. Wie lässt sich verständlich vermitteln, dass wissenschaftliche Erkenntnisse vorläufig sein können und sich durch neue Studien verändern – ohne dadurch Vertrauen in die Wissenschaft zu verlieren?
Wir erleben gerade eine unfassbare Verzerrung durch die sozialen Medien. Als ich anfing, Wissenschaftsjournalismus zu studieren, war Influenza eine Grippe. Heute sind Influencer die Pest! Es gibt eine Handvoll seriöse und jede Menge halbseidene und viele schlicht skrupellose. Ich schreibe gerade mein neues Buch „Die Seele wächst mit ihren Aufgaben – warum wir gerade alle verrückt werden können, aber nicht müssen“. Dabei sehe ich, wie viele Konzepte aus der Medizin, wie zum Beispiel die Posttraumatische Belastungsstörung, immer mehr zum Allgemeingut werden: Jeder hat plötzlich ein Trauma, toxische Trigger und ADHS sowieso. Das ist nicht hilfreich und verunglimpft auch die Menschen mit echten Problemen. Es macht einen Unterschied, ob ein Laie etwas behauptet oder ein Profi, mit Quellenangabe. Durch die Gewinnorientierung des Netzes ist aber Abwägen und Erklären vergleichsweise langweilig gegen die steile These.
Wir brauchen mehr Medien – und Gesundheitskompetenz, und aktuell machen wir Rückschritte. Jeder sollte wissen, auf welchen Internetseiten seriöse Inhalte zu finden sind. Und dass Wissenschaft ein Prozess ist, und kein Dogma. Wenn eine Empfehlung von vor zwei Jahren heute anders aussieht, bedeutet das nicht, dass die Wissenschaft gelogen hat, sondern dass sie dazugelernt hat. Wer das einmal verstanden hat, verliert nicht Vertrauen, sondern gewinnt es, in einem Prozess, der sich selbst korrigieren kann.
Wodurch lässt sich verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, ohne wissenschaftliche Erkenntnisse als Verhandlungssache darzustellen?
Vertrauen entsteht nicht durch Rechthaben, sondern durch Verlässlichkeit über lange Zeit – ich mache seit über dreißig Jahren keine kommerzielle Werbung, gerade damit Menschen wissen: Wenn der spricht, geht es um die Sache, nicht ums Geschäft. Das lässt sich nicht verordnen, das muss man sich erarbeiten, Jahr für Jahr, Sendung für Sendung. Und man gewinnt Vertrauen zurück, indem man eigene Fehler und Kommunikationspannen offen zugibt, statt sie zu vertuschen – Menschen verzeihen Irrtümer, aber nicht Arroganz. Und man muss dahin gehen, wo die Zweifel sind, statt nur im eigenen Hörsaal, in der eigenen Filterblase zu predigen.
Welche Verantwortung haben die Medien bei Wissenschafts- und Gesundheitsthemen?
Medien müssen sauber trennen zwischen Meinung, Werbung und recherchierter Information – und genau diese Trennlinie ist es, die im Netz gerade aufgelöst wird, wenn Betrüger einen Fernsehausschnitt kapern, um Wundermittel zu verkaufen. Seriöser Journalismus trägt ein Impressum, eine verantwortliche Redaktion, nachvollziehbare Quellen – Plattformen wie Meta oder Google verstecken sich dagegen gern hinter der Behauptung, sie seien nur neutrale Infrastruktur, und verdienen an den Fakes kräftig mit.
Medien tragen auch Verantwortung dafür, welche Werbepartner sie zulassen: Wer Fake-Anzeigen nicht sanktioniert, wird selbst zum Verstärker. Genau deshalb finde ich Initiativen wie #StopMedFakes der Apotheken Umschau wichtig, die das Thema in die Fläche tragen. Niemand würde doch in einen Supermarkt einkaufen, wenn bekannt wäre: 10% der Produkte sind gefälscht. Und der Betreiber weiß das auch und verdient am Betrug mit. Das Internet, was gestartet ist, um uns alle schlauer, verbundener und freier zu machen, kippt mit dem AI-Müll ins Gegenteil. Wir werden dümmer, einsamer und misstrauischer.
Sie sind Opfer von Deepfake-Videos geworden, in denen medizinische Produkte beworben werden. Wie viele andere Ärztinnen und Ärzte, Forschende oder Prominente. Woran sollen Menschen künftig noch erkennen, welcher medizinischen Empfehlung sie vertrauen können?
Als Faustregel gilt: Kein deutscher Arzt und keine deutsche Ärztin darf laut Heilmittelwerbegesetz für ein konkretes Produkt werben – wer mich oder eine Kollegin oder einen Kollegen in einem Video ein Nahrungsergänzungsmittel anpreisen sieht, hat damit schon den Beweis, dass es sich um eine Fälschung handelt. Zweitens: das Impressum prüfen. Steht dort ein Phantasiename oder eine wahllose Buchstabenfolge statt einer echten Firma mit Adresse, ist Vorsicht geboten. Drittens, banal, aber wirksam: das eigene Bauchgefühl ernst nehmen – klingt etwas zu gut, um wahr zu sein, ist es meistens einfach gelogen. Im Zweifel Ärztin, Arzt oder Apotheke fragen, bevor man bestellt, nicht danach. Und ganz grundsätzlich rate ich, sich an etablierte, redaktionell verantwortete Adressen zu halten.
Aber ich will nicht, dass die ganze Last beim Einzelnen bleibt. Ich habe vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gegen Meta gewonnen – zwei Jahre habe ich prozessiert, gegen einen Anwalt in Irland, weil es dafür in Deutschland nicht einmal eine Anlaufstelle gibt. Geholfen hat es kaum: Seit der Ausstrahlung meiner ARD-Dokumentation „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ im Mai ist die Zahl der Fake-Anzeigen mit meinem Gesicht nach eigener Zählung von rund 2.000 auf über 4.700 gestiegen. Wie lange wollen wir da eigentlich noch zugucken? Ich glaube inzwischen, dass das reine Persönlichkeitsrecht dabei ein zu schwacher Hebel ist – wirksamer wären ein konsequent angewendetes Marken- und Wettbewerbsrecht der Sendeanstalten sowie eine Aktualisierung von Gesetzen, die alle noch aus der Zeit vor dem Internet stammen.
Meine Stimme gehört mir. Mein Gesicht, mein Körper auch. Dass muss für jeden Menschen gelten, auch im digitalen Raum. Deepfakes zerstören Gesundheit, das Vertrauen in Menschen und Medien und die Demokratie. Es ist zutiefst bedenklich, wenn 5 Nerds im Silicon Valley, russische Desinformation und chinesische Apps die Macht bekommen, zu bestimmen, was wir sehen, für relevant und richtig halten. Und wir sind gerade erst am Anfang dieser Entwicklung wo der Satz „ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen“ nichts mehr wert ist.
Immer mehr Ärzte empfehlen den Menschen, bei Gesundheitsfragen erst einmal die KI zu befragen. Wie stehen Sie dazu?
Ein Computer hat kein Mitgefühl, keine Intuition für die Lebensumstände eines Menschen und schon gar keinen Humor. Gerade bei schwierigen Diagnosen und Entscheidungen brauchen Menschen einen Menschen. Was sauberes Wasser für die Seuchenbekämpfung im 19. Jahrhundert war, ist sauberes Wissen im 21. Jahrhundert. KI erweitert unser Wissensmanagement exponentiell. Aber an der alten statistischen Weisheit kommen die Rechenmaschinen nicht vorbei: Wenn die Dateneingabe Müll ist, kommt am Ende auch nur aufbereiteter Müll raus. Kürzlich erfand eine schwedische Forscherin zum Beweis eine obskure Augenerkrankung, nannte sie „Bixonimanie“ und streute gezielt Falschinformationen im Netz. Kurz darauf warnten große KI-Modelle ihre Nutzer vor der Krankheit, die es gar nicht gibt.
Zu wissen, auf welchen Seiten man geprüfte und saubere Infos bekommt, wird die Herausforderung. Es braucht verlässliche Seiten, die von den Krankenkassen oder den Ministerien beauftragt sind wie Gesundheitsinformationen.de.
Genau dafür braucht es auch einen werbeunabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Nutzen Sie persönlich KI, wenn bei Ihnen oder in der Familie gesundheitliche Fragen aufkommen? Wie stellen Sie dabei sicher, dass die Informationen verlässlich sind?
Ich behandle jede Antwort wie eine erste Vermutung, nie wie eine Diagnose. Ich gleiche das grundsätzlich mit mindestens einer zweiten, seriösen Quelle ab – oder frage jemanden an, der sich richtig auskennt. Denn dann merkt man erst, wie oft KI daneben liegt oder schlicht Dinge erfindet. Dafür braucht es KI, die nicht alles im Netz aufsaugt, sondern die mit den besten Studien der Welt gefüttert werden – und die gibt es ja zum Glück auch. Wir brauchen Vertrauen, und Transparenz. Bei Wikipedia sehe ich, wie etwas korrigiert wird. Bei vielen KIs ist völlig unklar, wie die arbeiten.
Warum können wir mit einem Geldschein überall bezahlen? Weil klar ist: Wer einen Geldschein fälscht, wird hart bestraft. Warum ist uns das bei Geld wichtig, dass es echt ist? Und wann verfolgen wir endlich auch das Fälschen von echten Menschen mit der gleichen Konsequenz?
Mein Gesicht gehört mir, meine Stimme, mein Körper auch. Das gilt für jeden von uns. Dieses Grundrecht auf die eigene Persönlichkeit muss im Digitalen genauso gelten und durchgesetzt werden wie im Analogen.
Wir brauchen echte Nachrichten. Von echten Menschen. Für echte Menschen.
Herr Hirschhausen, was bedeutet medizinischer Fortschritt für Sie: längeres Leben, mehr gesunde Lebensjahre oder bessere Lebensqualität?
Für eine Dokumentation habe ich gesehen, was heute schon möglich ist – von Genscheren-Therapien bis zu Gehirn-Computer-Schnittstellen für Menschen, die sonst nicht mehr sprechen können –, und das ist beeindruckend. Für eine humane Humanmedizin braucht es aber auch etwas anderes. Ein Menschenbild, was den Patienten nicht als Kunde, als kaputte Maschine oder Longevity-Cash-Cow sieht, sondern als Mensch in seinem Lebenskontext. Fragt man Menschen mit einer ernsthaften Erkrankung und redet man ehrlich mit ihnen, fallen ganz andere Therapieentscheidungen. Ich bin Fan von einer gemeinsamen Entscheidungsfindung.
Mit meiner ersten Stiftung HUMOR HILFT HEILEN machen wir viel für die psychologische Resilienz der Pflege und Humor bei Kindern und der Altenpflege. Und mit „Gesunde Erde-Gesunde Menschen“ klären wir auf, warum es gegen Hitze keine Pille gibt und auch nie geben wird.
Die größten Gesundheitsgefahren im 21. Jahrhundert sind nicht mehr zu lösen über die Optimierung des Einzelnen, sondern nur gemeinsam. Keiner kann sich seine eigene Außentemperatur kaufen. Nicht mal Privatversicherte. Wir werden immer saubere Luft zum Atmen brauchen, Wasser zum Trinken, Pflanzen zu essen. Daran wird keine personalisierte Medizin und KI etwas ändern. Der Schutz unserer Lebensgrundlagen braucht oberste Prio. Denn wir haben keine zweite Erde. Und keine Kontrollgruppe. Dazu brauche ich auch keine Studie, bei über 16.000 Hitzetoten allein diesen Sommer in Deutschland.
Die Wissenschaft ist eindeutig: Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde.
Dr. Eckart von Hirschhausen